Zeit, dass sich was dreht


Das ist er, mein neuer Plattenspieler für’s Dachstudio! Bei dem Dreher handelt es sich um einen Dual CS-510. Ein alter Bekannter. Im Wohnzimmer steht sein Bruder, allerdings in fieser hipper Nußbaumzarge.


Bei dem 510er von Dual handelt es sich um ein Modell aus der Hochzeit der deutschen Plattenspielerfertigung. Ähnliche Modelle, zumeist von Dual oder Thorens, standen  in den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhundert in den meisten Wohnzimmern deutscher Haushalte, um in den 90ern entweder entsorgt oder fein säuberlich eingemottet zu werden.


Als Kind der 80er bin ich mit dem Medium „Schallplatte“ groß geworden. Meine erste Schallplatte besitze ich immer noch. Meine erste Single ebenfalls. Nichts worauf ich heute wirklich stolz bin aber damals war ich es. Und wie! Ich hatte mein Taschengeld gespart und war im Karstadt - die Kinderhörspiele von TKKG und den ??? links liegen lassend - direkt in die Schallplattenabteilung gegangen.  Dahin, wo die großen Jungs waren und zu denen ich jetzt auch gehören würde - zumindest glaubte ich das!


Die großen Jungs  hörten allerdings ziemlich komisches und in meinen jungfräulichen Ohren krankes Zeugs, das nicht mal in den Charts vertreten war. Und damit meine ich jetzt nicht Schlager! Mit dem kannte ich mich aus, lief er doch bei meinen Eltern und in der ZDF-Hitparade. Wieder wirklich nichts, auf das man als Heranwachsender stolz sein konnte. Punkte bei den Mädels gab es dafür auch nicht unbedingt.


Auf einer Klassenfahrt nach Köln kaufte ich mir dann im „Saturn Hansa“ meine erste BAP-Platte. Man, war ich stolz. ´Ne BAP-Platte aus Köln. O.K, Punkte bei den Mädels gab das auch nicht, aber der Respekt einiger großer Jungs war mir sicher. Auf der Rückfahrt behandelte ich die Platte wie ein rohes Ei. Zu Hause angekommen, fragte ich meine Eltern, ob ich kurz an deren Anlage dürfe, um mir die Platte auf Cassette zu überspielen, um mir im Anschluss die Cassette dann auf meinem Radiorecorder in meinem Kinder Jugendzimmer, mit dem Plattencover auf den Knie, anzuhören.


Mit 16 bekam ich dann die Anlage meiner Eltern inkl. eines Dual CS 601. Auf Kassette überspielt wurde trotzdem noch. Schließlich wollte man ja auch auf seinem Walk-Man  -O.K., ich gebe zu, ich hatte ein tragbares Kassettenabspielgerät eines Wettbewerbes - Musik hören. Zudem wollten auch noch andere Hobbies mit dem kärglichen Taschengeld finanziert werden. Das Mitschneiden gewisser allabendlicher Radiosendungen gehörte damit ebenso zum festen Bestandteil der damaligen Jugendkultur wie der Tausch oder das gegenseitige Leihen von Kassetten und Schallplatten.


1990 zog dann der CD-Spieler bei mir ein und der Dual 601 wieder ins Wohnzimmer meiner Eltern. Musik gehört wurde mit dem Medium der Zukunft. Knistern, knacksen und Rauschen gehörte der Vergangenheit an. Überspielt auf Cassette wurde aber immer noch. Schließlich wollte man auch im Auto Musik hören bis 1996 endlich ein CD-Radio mein Cassetten-Radio ablöste.


2008/2009 kaufte ich mir dann aus einer Laune heraus einen gebrauchten Dual  510 aus Erstbesitz für unglaubliche 20 EUR, Tonabnehmer inklusive. Der Vinyl-Virus hatte mich wieder. Und da erwachsene Männer nichts anderes sind, als kleine Jungs mit ganz viel Taschengeld, konnte und wollte ich mir endlich die Platten gönnen, die ich mir in den 80ern nicht leisten konnte. Mein Jagd- und Sammeltrieb war geweckt und wollte befriedigt werden. Seit dem gibt es nur Weniges, was so erfüllend ist, wie plötzlich und unerwartet eine Schallplatte in den Händen zu halten, nach der man monatelang gesucht hat. Ebenso ist kaum etwas frustrierender, als wenn einem genau diese Platte von einem Mitinfizierten direkt vor der Nase weggeschnappt wird. Ein weiteres spannendes Moment ist, eine gänzlich unbekannte Scheibe zu erwerben und zu Hause auf den Plattenteller zu legen. Die Gefühlswelt, wenn die Nadel die Anlaufrille verlässt, hat gewisse Parallelen zu damals, als man als Kind seine Weihnachtsgeschenke auspackte – leuchtende Augen und ein verzücktes Lächeln inklusive, wenn man einen Treffer gelandet hat.

Frohe Weihnachten!
Pentax K30 | Pentax 18-135mm