Ernüchterung - Besinnung - Neustart


Jetzt also Fuji! |  Teil II | Teil III

Der folgende Artikel ist weder ein Test noch eine Kaufberatung, noch Werbung. Er spiegelt lediglich den Weg meiner ganz persönlichen Entscheidungsfindung bei einem Systemwechsel wieder.


Wie war das noch: "Ein schönes Gefühl angekommen zu sein!" Ja, ich erinnere mich an mein Geschwätz von gestern. Allerdings habe ich mich zum Ende des Jahres 2018 so dermaßen über Olympus geärgert, dass mein westfälisch-mecklenburgischer Dickschädel obsiegte und seit Anfang Januar 2019 meine gesamte Olympus-Ausrüstung verkauft ist. Insgesamt war das eine eher emotionale, denn rationale Entscheidung und nicht zwingend zur Nachahmung empfohlen. Rückblickend betrachtet war es bei mir aber ein seit Sommer 2018 schleichender Prozess, der mit dem Verkauf meines alten 1454 I begann und mit dem Verkauf meiner kompletten Four-Thirds-Objektive endete.


Die komplette Umstellung vor Four-Thirds-Optiken auf Micro-Four-Thirds-Optiken brachte in der Tat den erhofften Gewinn an Treffsicherheit und Geschwindigkeit. Allerdings ging für mich damit auch ein Stück weit der Charme des Systems verloren. Ich hatte mir damals die E-M1 gekauft, um die alten Four-Thirds-Linsen - vor allem das 1454 und das 1122 -  zu nutzen. Mit dem zwischenzeitlich von mir genutzten 1240 brauchte ich die E-M1 eigentlich gar nicht, da das Objektiv an jedem x-beliebigen m4/3-Body genau so gut funktioniert. Das Alleinstellungsmerkmal der E-M1 - der Hybridautofokus - war für mich dahin und ich griff komischerweise intuitiv immer mehr zur E-M5 statt zur E-M1, was wahrscheinlich daran lag, dass die E-M5 für mich immer die m4/3-Kamera war und die E-M1 die 4/3-Kamera.


Der Ärger zum Jahresende war dann der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte. Vor Enttäuschung beschloss ich meine m4/3-Ausrüstung zu verkaufen, ohne wirklich zu wissen was stattdessen kommt. Sicher war ich mir nur, dass es wieder ein spiegelloses System werden sollte. Ein Blick durch den Sucher einer konventionellen DSLR eines guten Bekannten hatte mir nämlich sehr schnell und sehr deutlich gezeigt, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, Belichtungsänderungen und deren Ergebnis bereits im EVF zu sehen. Beschäftigt man sich intensiv mit dem Thema - und klammert m4/3 aus - bleiben nicht mehr viele bezahlbare Anbieter übrig. Will man auf einem ähnlichen Niveau, wie dem des Olympus-Pro-Systems fotografieren, bleiben eigentlich nur zwei System übrig: Fuji und Sony!


Eine erste Recherche ergab, dass sowohl Sony als auch Fuji im Januar 2019 eine Cash-Back-Aktion laufen hatten. Wie passend! Was folgte war Ernüchterung. Bis auf die Sony A7 II gibt es weder bei Sony noch bei Fuji bezahlbare Bodies, die einen Stabilisator im Gehäuse verbaut haben. Wirklich schlimm ist das nun nicht, da die Stabilisierung dann zumeist im Objektiv stattfindet. Blöd ist das nur, wenn man manuelle Linsen oder Festbrennweiten verwenden möchte, die in der Regel keinen Stabi verbaut haben. Ein altes, manuelles 200mm- oder 300mm-Objektiv macht ohne Stabilisation nicht wirklich Spaß. Die Sony A7 II rückte damit immer mehr in den Fokus. Abgedichtet ist sie zudem auch noch. Bleibt die Objektiv-Wahl. Und abermals folgte Ernüchterung. Die Tests der Sony-Linsen auf den einschlägigen Testseiten versprachen nichts gutes. Einzig das Tamron 28-75 machte einen einigermaßen passablen Eindruck.


Also ab zum nächsten Fachhändler, um Kamera und Objektive zu begrabbeln. Was folgte, war erneute Ernüchterung. Wenn man von Olympus kommt ist man in Sachen Verarbeitung und Haptik mächtig verwöhnt. Die Sony A7 II ist in meinen Augen in dieser Hinsicht ein ordentlicher Abstieg. Mich hat sie an ein amerikanisches Auto aus den 90ern erinnert: Viel Plastik und ständig piept irgendwo etwas! Das muss man wollen und / oder mögen. Oder, um es mit den Worten eines bekannten zu sagen: "Ich will eine Kamera und keine Playstation!" Ähnlich verhält es sich mit dem Tamron 28-75. Im Gegensatz zum Olympus 1240 besteht das Tamron nämlich größtenteils aus Kunstoff. Das muss nicht zwingend ein Nachteil sein, aber auch das muss man mögen und wollen. Über die Größe und das Gewicht der Kombination aus Sony A7II und Tamron 28-75mm zu schreiben, erspare ich mir. Ich hatte es mir bei weitem nicht so heftig vorgestellt.


Ohne mein Zutun wurde mir stattdessen eine Fuji X-T2 inkl. XF18-55 in die Hand gedrückt. Welch ein Unterschied! Im Gegensatz zur Sony-Tamron-Kombi wirkte das Fuji-Set wie aus einem Guß. Nur war das wirklich das, was ich wollte? Hätte ich da nicht gleich bei Olympus bleiben können? Ja! - wenn der Ärger nicht gewesen wäre. Die Fertigungsqualität der Pro-Produkte von Olympus ist wirklich excellent, die Abbildungsqualität der Pro-Objektive ebenfalls. Ein vergleichbares Objektiv wie das 1240 sucht man sowohl bei Fuji als auch bei Sony vergeblich.  Das SEL 24-70Z ist zwar abgedichtet, hat aber lediglich eine feste Blende von 4. Abbildungstechnisch kommt es ebenfalls nicht an das 1240 heran. Das Tamron hat zwar eine feste Blende von 2.8 und ist abgedichtet, hat dafür aber unten rum 4 mm weniger Weitwinkel. Noch wilder wird es bei Fuji. Das 16-55 ist abgedichtet, hat eine feste Blende von 2,8, ist optisch sehr gut, nicht aus Kunstoff, dafür aber ohne  Stabilisation. Wenn man nicht gerade die X-H1 sein eigen nennt, durchaus ein Nachteil. Das XF-18-55 hat weder eine feste Blende von 2.8, noch ist es abgedichtet. Dafür ist es kompakt, aus Metall und optisch, sofern man ein gutes Exemplar erwischt, wirklich gut, hat aber auch unten rum 4mm weniger Weitwinkel. Argh!


Das Gefühl, keinen 1:1 Ersatz für das Set aus E-M1 und M.Zuiko Digital 1240 zu bekommen, manifestierte sich immer mehr. Aber, moment, wollte ich wirklich einen Ersatz für das 1240?. War es nicht viel mehr das 1454 das ich vermisste? Besinnung! Was will / suche ich überhaupt? Brauche ich dieses ganze Zeugs, was mir die modernen Kameras bieten, überhaupt? Das Live Time- und Live Composite-Tool der E-M1 z. B. habe ich, um ehrlich zu sein, eigentlich nie genutzt. Das Freistellungspotential eine Olympus 45 1.8 oder Sigma 60 2.8 hat mir eigentlich immer gereicht. So viel Portraits fotografiere ich nicht. Mein Schwerpunkt ist und bleibt Urban, Landschaft, Architektur, und Familie. Landschaft und Architektur, wenn es wirklich gut werden soll, fotografiere ich zumeist vom Stativ. Ein in der Kamera verbauter Stabilisator ist zwar "nice to have", aber in diesem Fall nicht zwingend notwendig. Wer hätte gedacht, dass ich das als alter Pentaxian und Olyfant einmal irgendwann schreiben werde. Naja, st ja auch irgendwie nur die halbe Wahrheit. Aus der Hand heraus ist so ein Stabi schon Gold wert. Aber ob das wirklich ein K.O. Kriterium ist, wenn statt des Bodies das Objektiv stabilisiert ist? Abwarten!


Irgendwann saß ich dann grübelnd mit einem Glas Whisky auf dem Sofa. Auf dem Plattenteller drehte sich"Fleetwood Mac - Greates Hits". "Go your own way"! Großartig!  Erste Seite, zweites Lied - und es machte "Klick" in meinem Hirn. Natürlich habe ich die Scheibe auch als Flac auf meinem NAS und könnte sie mir per Netzwerkplayer anhören. Aber wenn ich zur Ruhe oder runterkommen will, greife ich intuitiv zur Schallplatte - erst Recht in Verbindung mit einem Single Malt. Das Medium Schallplatte entschleunigt ungemein. Die Schallplatte gibt einem den Weg und die Zeit vor. Kein hektisches Hin- und Herspringen von einem Lied zum nächsten, kein Vor- oder Zurückspulen. Das System bzw. der Tonarm folgt der Rille und hebt sich irgendwann. Stille! Man steht auf, wendet die Platte, säubert sie abermals und weiter geht's! Zwischendrin nippt man am Whisky, schaut sich das Booklet an oder genießt die Musik.



Fotografieren hat auf mich eine ähnlich entschleunigende und entspannende Wirkung. Stativ aufbauen, Kamera auf das Motiv ausrichten, Bildausschnitt wählen, Standpunkt / Perspektive wechseln ... Zeit haben ... Zeit nehmen ... entspannen. In mir reifte immer mehr der Entschluss, dem Fuji-System eine Chance zu geben. Nahezu alle wichtigen Einstellungen können direkt und analog, an der Kamera vorgenommen werden. Ein Abtauchen in die Menue-Struktur der Kamera ist nicht nötig. Filter- und Art-Programme gibt es ebenfalls nicht. Von Leica einmal abgesehen, gibt es kaum ein anderes, bezahlbares System, mit dem man wahrscheinlich analoger digital fotografieren kann, als das von Fuji. Einziger Nachteil: Billig wird das nicht! So gar nicht!

Glück auf!

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Fujifilm X-Pro1 | Fujifilm XF 18-55 mm